Autobiografien & Chroniken

 

Einen Tag nach meiner Ankunft konnte ich etwas genauer erkunden, wo ich gelandet war. Haus und Hof an der Schleuse waren groß, und es gab sehr viel Wohnraum. Entsprechend der gespannten politischen Lage war das Haus mit Flüchtlingen und Bombengeschädigten überfüllt – Ilse hatte an Leuten aufgenommen, was räumlich nur möglich war. Ihr Mann, der Schleusenmeister, Obermaat bei der Marine, war zu der Zeit noch irgendwo in der Bretagne; den Schleusenbetrieb hielt ein Vertreter aufrecht, der mit seiner Familie ebenfalls mit im Haus wohnte. Ein mir sehr sympathischer Bewohner war auch Ilses Vater Fritz, der auf einige Tage zu Besuch gekommen war. Parallel zum Kanal, in 250 Metern Entfernung, verlief die Grenze zur sowjetischen Zone. Diese 250 Meter breite Niederung mit dem Stecknitz-Flüsschen war auf 3 Kilometern Länge in Richtung Süden, der Elbe zu, praktisch Niemandsland.

   Gleich nach dem Frühstück sah ich mich in dem kleinen Wäldchen hinter dem Schleusenwärterhaus um – und entdeckte darin ein Pilzparadies. Zurück ins Haus zu laufen und einen Eimer zu holen war eins. Dann wurde geerntet. Da meine Mutter mich bis zu meiner Volksschulentlassung des Öfteren mit in die Wälder zum Pilzesuchen genommen hatte, kannte ich Stein-, Birken-, Perlpilze und Maronen. Im Witzeezer Wäldchen war ein ideales Gelände mit Sonneneinstrahlung, Schatten, Feuchtstellen, Moos und Wasser. Ich sah die verschiedensten Pilze eng beieinander stehen, erkannte Stein-, Birken- und Perlpilze. Mein Eimer war in kurzer Zeit übervoll. Freudestrahlend zeigte ich meine Beute den Mitbewohnern und bereitete ein großes Pilzessen vor. Die Einwände, dass ich meine Mitesser vergiften könnte, konnte ich mit meiner Beredsamkeit zerstreuen. Ich wusste ja schließlich, welche Pilze ich gesammelt hatte! Fünf Personen nahmen daraufhin an dem Pilzessen teil. Fritz und ich waren die lustigen Spaßmacher. Beim Essen äußerten die drei Frauen noch einmal ihre Sorge, dass sie eventuell vergiftet werden könnten. Gerade spürte ich einen bitteren Geschmack auf der Zunge und dachte: „Du kannst doch jetzt nicht den Mundinhalt ausspucken, es ist bestimmt nur ein Stück von einem alten Pilz.“ Ich kaute tapfer weiter und schluckte die Massen herunter. Nun wurde ich immer heiterer. Eine Art Rausch überfiel mich. Als ich daraufhin Fritz beobachtete, stellte ich auch bei ihm erhöhte Heiterkeit fest. Da schwante mir nichts Gutes, und ich fragte ihn, ob er auch so eine Wirkung verspüre wie ich. Er bestätigte es mit den Worten: „Ich fühle mich auf einmal wie besoffen.“ Da mir nun unheimlich zumute wurde, schnappte ich mir Fritz und zwang ihn, sich in sein Bett zu legen. Sein kleines Zimmer war nicht weit von meinem im ersten Stock entfernt. Auch ich legte mich hin. An den Frauen hatte ich keine Veränderung ihres Benehmens bemerkt. Sie hatten sich über unsere übertriebene Heiterkeit amüsiert, ohne einen Verdacht zu schöpfen, dass da etwas nicht stimmen könnte. Nicht lange nach meinem Hinlegen brach mir der Schweiß aus, und mir wurde übel. Weil ich Hilfe brauchte, rief ich nach Ilse, die aber nicht kam. Noch einmal schrie ich laut: „Hilfe! Hilfe! Hilfe!“ Endlich kam Ilse von unten hoch, und ich erklärte ihr, dass ich einen Arzt bräuchte oder wenigstens einen Topf Milch. Sie lachte mich aus, meinte, ich mache lustigen Blödsinn, und verschwand wieder nach unten zu ihrer Damenrunde. Wankend ging ich zu meinem Leidensgenossen, der ebenfalls schweißgebadet dalag. Ich fragte: „Fritz, lebst du noch?“ Da bewegte er seinen Kopf und röchelte: „Ja, ja.“ Ich erreichte gerade noch meine Liegestatt, als es ganz schlimm mit mir wurde und ich nur noch feuerrote und gelbe Kreise sah. Im wahrsten Sinne des Wortes erlebte ich einen Pilztod und bin regelrecht gestorben. In Wirklichkeit war ich bewusstlos geworden. Wie lange ich es war, weiß ich nicht. Ich wachte auf. Mein Kopf war nach rechts gedreht und auf meiner Brust und dem Kissen lag das ganze Pilzgericht. Der Körper hatte sich selbst geholfen! Vorsichtig zog ich mir das Hemd mit der unangenehmen Dekoration vom Leib. Dann schlich ich zu Fritz und sah, dass es ihm einigermaßen gutging, übergeben hatte er sich jedenfalls nicht. Aus der Küche holte ich einen Eimer mit Wasser und Scheuerlappen und brachte mein Zimmer wieder in Ordnung. Der Geruch lag aber noch lange im Raum. Bis zum Morgen wirkte der Rausch nach. 

   Wie konnte diese starke Vergiftung entstehen, und welche Pilzsorte war schuld daran? Feststeht, dass es Stückchen eines sehr kleinen Pilzes waren. Von meiner Mutter wusste ich, dass in der Nähe eines erwachsenen Steinpilzes mindestens noch ein kleiner stehen würde. Mit diesem Wissen hatte ich an dem Tag natürlich auch die kleinen Pilze eingesammelt. Und zwar nicht nur beim Stein-, sondern auch beim Perl- und Birkenpilz. Da wir in einem Bergarbeiterort gelebt hatten, in dem viele Polen, die eifrige Pilzsammler waren, ihre neue Heimat gefunden hatten, war meine Mutter bei ihnen in die Lehre gegangen. Die wichtigste Sammlerregel habe ich leider nicht erfahren. Sie besagt Folgendes: „Keine zu jungen Pilze wegen der Verwechslungsgefahr mit Giftpilzen mitnehmen.“ Aber gerade der Perlpilz, den ich so gern gesammelt habe, ist als Kleinstpilz leicht verwechselbar mit dem giftigen Pantherpilz und dem grünen und weißen Knollenblätterpilz. An der Schleuse hatte ich also einen Kleinst-Knollenblätterpilz kochfertig geputzt, aber dabei so viel abgeschnitten, dass wahrscheinlich nur zwei Stücke gekocht wurden. Das kleine Stück hat Fritz gegessen und ich das größere mit dem stark bitteren Geschmack. Vom Pilzesuchen hatte ich erst einmal genug. Die Frauen haben nie erfahren, in welcher tödlichen Gefahr sie gewesen sind. An die Halluzinationen mit den Feuerkreisen denke ich noch oft.

     


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Joachim Gittelbauer

Das Pilzgericht


 

 


Die Einladungskarte vom Juli 1945