Autobiografien & Chroniken

 

Joachim Gittelbauer

Das Pilzgericht


Der 15. August 1945 war für mich ein besonders schöner Tag. Am Morgen wurde ich aus der Internierung in Schleswig-Holstein entlassen. Die dazu erforderliche „Aufnahmebescheinigung“ hatte mir meine ehemalige Kollegin Ilse ins Internierungslager geschickt: eine kleine Postkarte, die bestätigte, dass ich in ihrem Haus würde wohnen können. Ilse war die Frau des Schleusenmeisters von Witzeeze am Elbe-Lübeck-Trave-Kanal.

   Die Engländer fuhren mich also an diesem Morgen zum Einwohnermeldeamt in Mölln, und nach der Registrierung machte ich mich auf den Weg nach Witzeeze, das ganz nah an der Grenze zur sowjetischen Zone lag. Die politische Lage zwischen den Sowjets und den Westmächten hatte sich so zugespitzt, dass eine kriegerische Auseinandersetzung nicht ausgeschlossen war. Als ausgebildeter Flugzeugführer sollte ich deshalb vorerst in der britischen Zone angesiedelt werden. Es war bereits früher Nachmittag, als ich endlich zur Schleuse aufbrechen konnte. Ich wanderte in Grenznähe südwärts, und es war seltsam ruhig. Ich ging allein auf einer unbeschädigten Asphaltstraße. Es gab keinen Motorenlärm. Kein Auto und kein Flugzeug störten die Stille. Ich fühlte mich frei und unbeschwert. Auf halbem Weg meiner Wanderung hörte ich dann doch Geräusche, und zwar von Pferdehufen. Es näherte sich ein von einem Pferd gezogener offener Wagen mit Gabeldeichsel, kutschiert wurde das „Gig“ von einem älteren Paar.

   Höflich fragte ich, ob sie mich mitnehmen könnten. Nach kurzer Überlegung durfte ich hinten auf dem Kofferbrett Platz nehmen. Wahrscheinlich meinten sie, dass ich ein guter Begleitschutz sei, und vertrauenswürdig sah ich ja aus. Der Mann fragte mich nur, wohin ich wollte, dann beachteten sie mich nicht weiter. Der Besitzer dieses Gespanns kam mir wie ein vornehmer Gutsbesitzer vor und seine Begleiterin wie eine adlige Dame. Im leichten Trab ging es nun schneller südwärts. Bequem saß ich auf meinem Brett, ließ die Beine baumeln und fühlte mich wohl. Der schwere Fliegersack lag neben mir. Vergangenheit und Zukunft bedrückten mich nicht, ich war sorgenfrei. Die Fahrt ging durch einen gepflegten Wald. Am Abzweig zum Dorf Witzeeze wurde ich abgesetzt; das letzte Stück des Wegs ging es wieder auf Schusters Rappen.

     Ilse begrüßte mich bei meiner Ankunft im Schleusenwärterhaus sehr herzlich. Sie bat mich in die Küche, in der schon sieben Frauen und drei Männer saßen. Die Letzteren waren englische Soldaten. Sie boten mir Zigaretten an, welche ich als Nichtraucher dankend ablehnte. An die Völkerverständigung musste ich mich erst gewöhnen; die Frauen und Mädchen hatten das Miteinander schon zwangsläufig geübt, da im Haus wochenlang britische Soldaten untergebracht waren. Nachdem für die Soldaten der Zapfenstreich geblasen wurde, konnte ich meiner Gastgeberin Ilse die mitgebrachten Geschenke überreichen. Es waren zwei dicke Zervelatwürste, ein großes Stück Butter und zwei Brote. Außer Ilse saßen noch deren Stieftochter, eine Frau aus Graz namens Helene und eine Mutter mit ihren drei Töchtern in der Küche. Man duzte mich gleich. Der Abend war sehr gemütlich und fand seinen Abschluss damit, dass eine der Gastfrauen bestimmend sagte: „Du schläfst bei mir!“ Ich dachte, ich höre nicht richtig, und überlegte, wie sie das wohl meinte. Das Angebot der hübschen Frau habe ich um des lieben Friedens Willen schließlich angenommen. Am anderen Morgen fühlte ich mich wie neu geboren.                                                                                

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Joachim Gittelbauer ist 1925
in Wintersdorf/Thüringen geboren.


In der DDR 1956 geriet
der Bergbauingenieur ungerechtfertigt unter
den Verdacht der Wirtschaftsspionage und flüchtete mit seiner Familie nach Köln, wo er heimisch wurde.


 

 Illustration: Thomas Gittelbauer