Autobiografien & Chroniken

 

Lore Ehlers

Beim Abendbrot


Manchmal sitzt man beim Abendbrot, sieht sich die Fernsehnachrichten an und denkt: „Was ist nur los mit uns? Warum steckt die Menschheitsgeschichte so voller Wut und Zerstörung?“ Ich sitze auf meinem braunen Sofa – vor mir auf dem Couchtisch ein Tablett mit Tee und Schwarzbrot – im gedimmten Licht der großen gelben Stehlampe und verfolge die Bilder auf dem Fernsehapparat. Eine Panzerdivision rollt behäbig über ein schlammiges Stück Erde, Soldaten stehen daneben, sie schwenken Maschinengewehre in die Kamera, ihr Blick eine Mischung aus Stolz und Verbissenheit, und der offensichtliche Chef der Truppe bellt böse ins Mikrofon eines Reporters. Hinter dem schlammigen Acker, auf dem die Panzer vorbeikriechen, beginnt eine Stadt. Besser gesagt, es war einmal eine Stadt. Zu sehen sind Ruinen, Ruinen, nichts als Ruinen …

   Wollen Sie wissen, welche Stadt das ist? Von wo diese Bilder – Panzer, Maschinengewehre, zerbombte Häuser, wachsbleiche, wutverzerrte Soldatengesichter – an meinen Abendbrotstisch übertragen werden? Wir schreiben das Jahr 2014 … und es sind Bilder, die sich überall abgespielt haben könnten, ich finde diese Bilder in meiner Seele wieder. Hier heißt die Stadt Leipzig, ich bin 13 Jahre alt, sitze mit den Nachbarn im Keller unseres Hauses, halte mir die Ohren, weil das gellende Sirenengeheul und die markerschütternden Bombendetonationen, wieder und wieder, in allernächster Nähe, mich mit Todesangst erfüllen. Zwischen den Detonationen gespenstische Stille. Auch im Keller ist es still, niemand spricht ein Wort, alle haben mit ihrem Leben abgeschlossen. Wieder ein Einschlag, die nächste Explosion, so nah, so laut … wir werden verschüttet werden. Verbrennen. Ersticken.
   Im Fernsehen rollen die Panzer noch immer, und die Soldatengruppe schaut grimmig in mein Wohnzimmer. Mit Blicken, stahlhart und entschlossen wie man sie 1944 in der Wochenschau im Kino zu sehen bekam. Da war mein Vater schon tot, gefallen bei Stalingrad, und meine Mutter wusste noch nicht, dass sie Witwe geworden war. Denn Vater war und blieb vermisst, und wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Sein letzter Heimaturlaub war ein halbes Jahr zuvor gewesen. Zum Abschied nahm er mich zärtlich in den Arm und knuffte mich freundschaftlich in die Wange. Dann machte er sich auf den Weg zum Bahnhof. Ich sah ihm nach, bis er um die Straßenecke bog. Mutter und ich weinten schon lange nicht mehr. Wir stiegen die Treppen zu unserer Wohnung hinauf – sie ging in die Küche, ich an meine Schularbeiten – und hofften, den Vater gesund wiederzusehen. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Wie so viele andere im Leben. Und deshalb, weil das Leben doch auch so schon schwer genug ist, starre ich an Abenden wie heute wütend in den Fernsehapparat! Würge mein Brot hinunter, spüle mit etwas Tee nach, und ärgere mich, inzwischen hat der nächste Nachrichtenbeitrag angefangen, über den feisten Politikermund, der (beinahe genüsslich) Zahlen und Erfolge verkündet.  Bei diesen Zahlen geht es um Flüchtlinge. Sie kamen bei Lampedusa an Land, verbrachten zwei Jahre in Flüchtlingslagern, wurden mit vorläufigen Aufenthaltsgenehmigungen nach Deutschland geschickt und werden hier kein Bleiberecht erhalten. Die Kamera zeigt eine sehr dunkelhäutige Familie, Vater, Mutter und zwei halbwüchsige Kinder, die an einem hellen Holztisch sitzt. Die Tochter spielt verlegen mit einem Zipfel der geblümten Tischdecke. Der Vater  hat die schwarzen Hände flach vor sich hin gelegt. Seht her, ich bin tatenlos, scheint er zu sagen, tatenlos, weil man mir kein sinnvolles Leben erlaubt. Sie werden in ihr Heimatland geschickt werden, den Sudan. Vielleicht überleben sie den Bürgerkrieg dort. Vielleicht werden sie erschossen. Wie mein Vater in Stalingrad, während wir nächtelang im Bombenkeller saßen. Wir wohnten im Leipziger Musikviertel, und nach dem Bombardement im Februar 1944, das überhaupt kein Ende nehmen wollte, war auch das berühmte Leipziger Gewandhaus, ein Konzerthaus mit Weltruf,  eine Ruine. Meine Mutter und ich krochen aus dem Bombenkeller, nach uns das alte Ehepaar Schmidt, das das vordere Erdgeschoss bewohnt hatte, dann Hausmeister Knobloch mit der vierköpfigen Familie Zerbig (Mutter Gerda und drei kleine Jungs) und die Schwestern Anita und Helga Klupsch, zwei Frauen in den Fünfzigern, ehemals wohnhaft im vierten Stock. Wir standen zu elft vor den Resten unseres Hauses und sahen uns erschüttert um. Ringsumher riesige Flammenteppiche, lodernde Flammen aus Fenstern und Dachböden, einstürzende Mauern, herabfallendes Gebälk, die Flammen fraßen sich in alles hinein, und die Menschen versuchten verzweifelt sie zu löschen. Feuerwehren waren nicht vor Ort, weil man sie nach Dresden abkommandiert hatte, und so versuchten die Bewohner selbst, die Brände zu ersticken. Auch wir füllten Eimer um Eimer, die wir in den Trümmern ausschütteten, auch wenn unser Haus nicht mehr zu retten war.
   Was kümmern mich die Trümmer von 1944? Wetter, Börse, Sportergebnisse, danach eine Fernsehkomödie über ein Nonnenkloster mit sehr fröhlichen Bewohnerinnen. Um Himmels Willen! (So heißt die Komödie.) Die Trümmer kümmern mich, weil sie sich in meiner Seele auftürmen. Weil weitere Trümmer dazugekommen sind. Ich habe die Panzer 1953 gesehen, als die Arbeiter am 17. Juni auf die Straße gingen. Und ich habe mich gefragt, ob ich, inzwischen SED-Mitglied, auf der richtigen Seite stehe. Ich habe Verhaftungen und Observationen erlebt, Menschen kennengelernt, die plötzlich für viele Jahre hinter Gefängnismauern der DDR verschwanden … und dennoch: Die DDR wollte, so dachte ich, den langen Weg aus Faschismus und Krieg in den Frieden gehen. Frieden? Meine Teetasse dampft noch ein wenig, und  Günther, mein hellbrauner Kater mit den zwei weißen Vordertatzen, schmiegt seinen weichen Kopf an mein Knie. Morgen werde ich in meinen Garten fahren, Johannisbeeren pflücken, die Margariten und Stockrosen gießen und mit einem Buch und einem starken Kaffee auf der kleinen Terrasse vor meiner Laube sitzen. Mein Name ist Lore Ehlers und ich bin 83 Jahre alt. Ich bin gesund und sehr dankbar dafür. Aber oft denke ich, dass der Mensch eben doch ein grausames Tier ist. Meine ich damit den Panzerfahrer? Oder den Politiker, Herrn Dr. Aal-Glatt? Vielleicht meine ich auch mich selbst. Wenn ich die Stockrosen gegossen habe, werde ich meinen Kriminalroman zu Ende lesen. Bisher etwa dreißig Morde (ein Terroranschlag), ein weiteres Verbrechen aus Leidenschaft und ein sehr stattlicher Kommissar, dessen Gepflogenheiten beim Verhör, milde ausgedrückt, nicht immer der feinen englischen Art entsprechen. Aber er hat was.

   Ich schalte den Fernseher ab, scheuche Günther von der Couch und bringe das Tablett in die Küche. Ich freue mich auf morgen. Auf meinen Garten, in dem Frieden herrscht. Und meinen Krimi.


 
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Lore Ehlers wurde 1931 in Leipzig geboren, wo sie noch immer lebt. 

Die ehemalige Englischlehrerin ist verwitwet und widmet sich gern ihrem Garten.

 


Lore Ehlers 1943