Autobiografien & Chroniken

 

Yvonne Katz

Kleiner Bericht über Lenin und Baba Jaga


Es muss im Herbst 1982 gewesen sein, ich war gerade Jungpionierin geworden, als unsere Klasse zum ersten Mal das „Haus der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft“ besuchte. Wir saßen um den glänzenden Samowar, aßen russische Kekse und sahen wundervolle Dias von den Städten Moskau und Leningrad. Schneeweiße Paläste, zierliche Ornamente, roter Backstein, dickes Gold, Zwiebeltürmchen überall. Und Frau Solnikowa, die jede Menge fremdartiger Geschichten zu erzählen wusste. 

   Die Sowjetunion war ein sehr großes, sehr geheimnisvolles Land, in das wir Kinder schon viele Fantasiereisen unternommen hatten. Hier wohnte die Hexe Baba Jaga in einer windschiefen Hütte, die sich auf Hühnerfüßen knarrend um sich selbst drehte und in deren Inneren böse Menschen am Spieß brieten. Statt des strengen Weihnachtsmannes mit der Rute gab es das kleine uralte Väterchen Frost, das lachend mit dem Mädchen Snjegurotschka an der Hand durch den glitzernden russischen Winterwald spazierte. Pioniere wie wir hießen in der Sowjetunion „Oktoberkinder“, was, wie ich fand, einen viel poetischeren Klang hatte. Und über den roten Stern, den die Oktoberkinder an ihren Blusen trugen, hatten wir im Schulchor ein sehr schönes Lied gelernt: „Ich sah schon oft den roten Stern, und weiß auch, dass ihn Lenin trug, er leuchtet hell auf unserm Werk und schmückt sogar mein Lesebuch. Ich sing das Lied vom roten Stern und mal ihn auf ein großes Blatt, ich weiß, dass unser roter Stern Millionen Sternenkinder hat …“ 

   Die Oktoberkinder lernten wie wir für den Frieden auf der Welt, der, wie wir erfuhren, leider noch sehr bedroht war, weil sich immer noch viele Menschen auf der Welt gegenseitig ausbeuteten. Zum Beispiel hatte es im England des 19. Jahrhunderts sehr viele reiche Fabrikbesitzer gegeben, die sogar Kinder 14 endlose Stunden am Tag für einen Armenlohn schwer arbeiten ließen. Hier war es nicht Lenin, sondern „Mohr“ gewesen (so der Kosename des dunkelhaarigen, bärtigen Karl Marx), der für die ausgebeuteten Arbeiter kämpfte. In unserer Kinderwelt gab es viele tapfere Vorbilder, für mich aber war Lenin der geheimnisumwobenste, vielleicht auch deshalb, weil er seit Jahrzehnten tot und einbalsamiert in einem offenen Sarg auf dem Roten Platz in Moskau im Mausoleum lag. Das kam mir etwas unheimlich vor, und ich wollte ihn mir gern einmal ansehen. Jedenfalls gab es bei uns (dank Mohr) und in der Sowjetunion (dank Lenin) keine Ausbeutung mehr. Diese sehr einfache Rechnung, die man uns Kindern damit aufmachte, hatte alle freundlichen Eigenschaften auf ihrer Seite, und ich glaube tatsächlich, dass sie aus manchen von uns gerechtigkeitsliebende Menschen machte. Der Vorbilder waren viele: Widerstandskämpfer wie „Teddy“ Thälmann, aber auch Romanfiguren wie „Camillo“, der kleine Kubaner, oder „Timur und sein Trupp“, der in der Sowjetunion der 40er-Jahre Nachbarschaftshilfe für die Witwen und Waisen von Frontsoldaten leistet. In diesem Roman, in den 80er-Jahren Schullektüre, geht es um Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt und Solidarität mit den Schwächsten. Viele von uns wurden daraufhin sogar „Timurhelfer“ in der Pionierorganisation: Einmal die Woche gingen sie alten alleinstehenden Frauen bei der Hausarbeit zur Hand: Einkaufen, Kohlen aus dem Keller holen und was sonst so zu tun war. Auch ich war eine Timurhelferin, und Frau Gallus, bereits über 80, gehbehindert und fast taub, freute sich jedes Mal, wenn ich sie besuchen kam, dienstags, um ihre Kohlen im schweren Eiseneimer in den dritten Stock zu schleppen und Milch, Brot und Wurst zu kaufen. Leider hatte sie nur eine schmale Rente, sodass sie sich das Wechselgeld immer auf den Pfennig genau von mir herauszählen ließ, was mir zwar nichts ausmachte … Aber meine Freundin Anke bekam von ihrer Timur-Oma fast jede Woche zwei Mark zugesteckt. Und irgendwie fand ich doch, dass Anke mit ihrer Timur-Oma mehr Glück hatte als ich.

   Was hat das alles mit Lenin und Baba Jaga zu tun? Sie gehörten einfach zu meiner Kindheit wie Timur, Teddy und Karl Marx, der nämlich – „Mohr und die Raben von London“ – eine weitere ideologische, aber zugleich herzensbildende Kinderlektüre für uns war.

   Dann der Szenenwechsel: Deutschland im Jahr 2008. Die DDR ist seit geraumer Zeit von der Weltkarte verschwunden und ich schließe mit 32 Jahren ein spätes Germanistikstudium ab. Ein halbes Jahr später beginne ich die Arbeit in einem kleinen westdeutschen Publikumsverlag. Natürlich hat sich mein verklärtes Kindheitsbild von Russland und der Sowjetunion längst relativiert. Im Verlag lerne ich Anton kennen, der 1982 – das Jahr, in dem ich zum ersten Mal die wundervollen Bilder der russischen Metropolen sah –  aus der Sowjetunion in die ehemalige Bundesrepublik gekommen war. Anton, Mitte Fünfzig, ist ein nicht großer, aber beeindruckend kräftiger Mann mit dunklem elsässischen Teint und Künstlerblut in den Adern. Seine Vorfahren waren dem nachhallenden Ruf der Zarin Katharina gefolgt und 1809 am Schwarzen Meer angekommen, wo die deutschen Familien tatsächlich die nächsten hundert Jahre lang ein solides und beschauliches Leben führten. In den Weltkriegen aber wurden sie wie Schachfiguren auf dem Spielbrett der Nationen hin- und hergeschoben. Antons Eltern verschleppte man 1943 nach Nazideutschland, nach Kriegsende wurden sie in die Sowjetunion zurückgezwungen und dort als sogenannte „Vaterlandsverräter“ streng observiert. Als Soldat der Roten Armee bewachte Anton Breshnews Atomsprengköpfe. An die Anweisungen, in welchem Falle sie zu zünden seien, erinnert er sich noch ganz genau. Als Anton in den 70er-Jahren im moldawischen Kischinjow im Malsaal des Puschkin-Theaters arbeitete, erlebte er die Verhaftung seines Kollegen Dimitri. Der wollte schnell einen Pinsel aus dem Nebenraum holen, eilte durch den Saal und lief, um den Weg abzukürzen, quer über ein auf dem Boden liegendes Stalin-Plakat. Das Gesicht Stalins, das eine Theaterkulisse schmücken sollte, war erst halb fertig, um es zu Ende zu zeichnen, wurde jener Pinsel benötigt. Eine Viertelstunde später war der Geheimdienst da und nahm den Theatermaler mit. Dimitri saß fünf Jahre im Gefängnis.

   Wenn ich heute im Leipziger Wildpark am hölzernen russischen Teehaus vorbeikomme, das mich an Baba Jaga und Frau Solnikowa zugleich erinnert, lächle ich über die schönen Geschichten, die unsere kindliche Fantasie beflügelten. Aber Lenin im Mausoleum, den will ich immer noch sehen. Nächsten Winter fahre ich mit Anton nach Moskau.



<< zurück

Yvonne Katz wurde 1976 in Leipzig geboren.

Zu Beginn der „Wende“ 1989 war sie 13 Jahre alt. Über ihre Sozialisation in der DDR hat
sie eine kleine Geschichte geschrieben und an Biografikon geschickt.

Yvonne Katz lebt seit August 2014 wieder in ihrer Heimatstadt.

 

 


 Lied über Baba Jaga“,
 eingesendet von Yvonne und Anton