Autobiografien & Chroniken

 

Das sind wirklich so Zufälle, die im Leben eine Rolle spielen

Jutta Schmidt, Jahrgang 1943, ist die Enkelin von Hermann und Rosa Seering, die seit 1937 eine Handschuhmacherei in der Georg-Schumann-Straße 116 hatten. Das Handwerk wollte sie nicht erlernen. Trotz erster Erfolge als Sängerin entschied sie sich für einen Brotberuf und arbeitete als Sekretärin an der Universität. 1990 fand sie einen neuen Job in der Musikbranche und Jahre später ganz zum Singen zurück. Daneben begann sie zu malen. Ihr Wahlspruch: Entscheidend ist nicht wie alt man ist, sondern w i e  man alt ist.   

 


»Das erste Mal bin ich vor drei Jahren wieder hierhergekommen. Ich gehe durch die Georg-Schumann-Straße, mir mal die ›Nacht der Kunst‹ anschauen, und da steht das Tor zur 116 auf. Ich dachte mir, da muss ich doch mal sehen, was heute hier ist. Das war ein beklemmendes Gefühl – da holte mich alles wieder ein, die ganze Erinnerung ...

Hier war die Handschuhmacherei meiner Großeltern. Die gab es über drei Generationen. Meine Tante Charlotte hat zusammen mit ihrem Mann Gerhard das Geschäft übernommen, und dann hat es Peter, ihr Sohn, weitergeführt, bis 1990 Schluss war, weil keine Kunden mehr kamen. Es gab an jeder Ecke billige industriegefertigte Handschuhe, zum Beispiel kriegte man im Baumarkt für eine Mark ein Paar Arbeitshandschuhe.

Ich habe mit meinen Eltern gleich um die Ecke gewohnt und bin in meiner Kindheit oft zu meinem Opa in die Werkstatt gegangen. Dort arbeiteten noch ein bis zwei Näherinnen, sonst hätten sie die Arbeit gar nicht geschafft. Drei Nähmaschinen standen hintereinander, und an der letzten war eine Pappplatte mit Loch angebracht, wo die fertig genähten Handschuhe aufliefen und Stück für Stück zu Boden fielen. Unter der Platte, zwischen dem Haufen Handschuhe lag immer der Lumpi, der Familiendackel. Jede Generation hatte ihren Lumpi!

 Opa war ein Allround-Talent, wie man heute sagt. In der Werkstatt wurden nicht nur dicke, mit Watte gefütterte Fausthandschuhe genäht oder welche, die einen Daumen, zwei oder fünf Finger hatten, sondern auch Polierscheiben und Zeltplanen. Er war sehr vielseitig, und er hat fast bis zu seinem Tod 1962 in der Werkstatt mitgearbeitet. Er war nach dem Krieg in russischer Gefangenschaft. Wann er heimkehrte, weiß ich nicht genau. Auf dem Hochzeitsfoto von Gerhard und Charlotte von 1948 ist nur die Oma zu sehen, und der Opa fehlt. Aber 1950 war er wieder da: Ich habe aus dem Nachlass meiner Tante noch ein Familienfoto vom Weihnachtsfest 1950, auf dem auch der Opa zu sehen ist.

Oma war eine Seele von Mensch, eine herzensgute Frau. Als ich zur Berufsschule ging und eine Ausbildung zur Stenotypistin machte, bin ich immer hier in der Georg-Schumann-Straße zur Straßenbahn gegangen. Meine Oma kam oftmals raus vors Tor, um mir so einen blauen Fünfzigpfennigschein zuzustecken. Dabei flüsterte sie: ›Davon darf der Opa aber nichts wissen.‹ Da hatte ich immer noch etwas Taschengeld. Oder wenn ich zu ihr kam, fragte sie immer: ›Willst du eine Fettbemme?‹ Das sind so meine allerliebsten Erinnerungen.

In der Wohnung, direkt über der Werkstatt, gab es einen riesenlangen Korridor. Da konnte ich als Kind mit dem Dreirad lang fahren und zusammen mit meinem Cousin Peter Ball spielen. Das sind ja viele Zimmer. Sechs, glaube ich. Oma und Opa hatten die Werkstatt und die Wohnung gemietet. Unten gab es noch eine kleine Küche, wo die Tante etwas kochen konnte, sodass sie nicht während der Arbeitszeit extra in die Wohnung hoch musste.

Es kamen natürlich auch immer Stofflieferungen. Das Stofflager war in der oberen Etage, eine Wendeltreppe führte dort hoch, und es war interessant, da zu spielen. Ich hab von meiner Tante Charlotte – ich sage immer das Tantchen, sie war eine kleine zarte Frau – viel Stoff bekommen und für meine Familie genäht. Wir haben so gut wie keine Kleidungsstücke gekauft. Man musste ja immer wirtschaften.

Ich sage immer, mein Tantchen hat mir ein bisschen den Sinn für das Schöne mitgegeben. Von zu Hause habe ich mehr das Praktische mitbekommen, also mir selbst zu helfen. Meine Tante hatte zum Beispiel eine Sofapuppe mit einem großen Strohhut, die durfte niemand anfassen, aber ich durfte sie mit zum Fotografen nehmen. Da geht mir so das Herz auf …

Als Kind habe ich im Rundfunkkinderchor gesungen, bis ich mit 14 aufhören musste. Später habe ich in einem Schlagerzirkel am Lindenauer Markt angefangen und bin dort von einer Band angesprochen worden, mit der ich einige Zeit unterwegs war. Wir haben zum Beispiel im ›Weißen Saal‹ im Zoo gespielt. So kam es, dass ich mit 16 Jahren Schlager sang wie zum Beispiel Bärbel Wachholz’ ›Damals‹. Ich bekam sogar eine Einladung zum Schlagerwettbewerb ›Singt das Lied vom Sozialismus‹. Das war was! Ich habe den dritten Platz gemacht, und zwar in dem Jahr, als Frank Schöbel den ersten gemacht hat. (Und er hatte eine richtige Ausbildung.) Beim Rundfunk hatte ich mich auch beworben und dort vorgesungen, aber sie fanden, meine Stimme sei noch nicht ausgereift genug. Sie haben mir auch angekreidet, dass ich mit 16 Jahren von ›damals‹ singe.

Dann kam Herr Schmidt und sagte: ›Entscheide dich‹. Er war meine erste Jugendliebe, und so habe ich mich für ihn und gegen das Singen entschieden. Er war ein bodenständiger Typ. Tischler eben. Seine Eltern sind jede Woche ins Kino gegangen. Jeden Dienstag. Und wir sind dann Briefmarken angucken gegangen … Und dann war’s passiert. Er sagte, also entweder oder. Und ich sagte, gut, ich entscheide mich für Mann und Kind.

Erst habe ich viele Jahre Heimarbeit, meiner Kinder wegen, gemacht. Als die Jungs groß genug waren, konnte ich dann wieder außerhalb arbeiten. Dann habe ich im Hochhaus der Universität 24 Jahre in der Abteilung ›Marxismus-Leninismus‹ als Sekretärin gearbeitet. Kurz nach der Wende saß ich noch beim ›Direktor für Kader und Qualifizierung‹ im Vorzimmer.

Mein ältester Sohn hatte ein Vierteljahr vor dem Herbst 1989 die Ausreise aus der DDR beantragt. Weil ich beim Kaderdirektor im Vorzimmer saß, musste ich natürlich zu einem Gespräch. Man hat mich dazu aufgefordert, dass ich mich davon distanziere, was ich auch getan habe. Ich wollte meine Arbeit ja nicht verlieren. Und dann kam es doch so. Als die ›Wende‹ kam, versammelten sich alle Genossen nach wie vor montags im Hinterstübchen. Da habe ich mir gedacht, die begreifen es nicht, dass es jetzt mal anders wird. Ich dachte, jetzt gehst du hier weg. Die Kollegen an der Uni waren einfach festgefahren in ihren Gleisen. Sie hatten teilweise ihr Sakko ausgezogen, also ihr Parteiabzeichen unter den Pullover gesteckt, und mir war das so scheinheilig.

Die ›Wende‹ war in der Hinsicht für mich also auch eine Chance.1990 bin ich zum Arbeitsamt gegangen und habe gleich einen neuen Job gefunden. Ich las eine Anzeige vom Radio DDR, Springerstraße, Abteilung Ernste Musik, später dann Mitteldeutscher Rundfunk. Da dachte ich mir, das ist es, das willst du machen! Klassische Musik war schon immer mein Hobby. Ich hatte zwei Vorgängerinnen, die sich um die Künstlerbetreuung bemühten, um Dramaturgie und das ganze Drum und Dran. Beide gingen, und meine damalige Chefin fragte mich: ›Trauen Sie sich das alleine zu?‹ ›Ja, ich kann es versuchen‹, antwortete ich, ›entweder es klappt oder es klappt nicht.‹ Ich bin dann nach und nach hineingewachsen, und ein Jahr später war ich Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros. Ich war zwölf Jahre für die Solisten zuständig – vom Kammbesorgen bis zum Geldauszahlen, wie ich immer sage. Ich habe Verträge und Honorare ausgehandelt, die Künstler vom Flughafen abgeholt und sie vor Ort betreut. Ich lernte sehr viele interessante Menschen kennen, und es gibt ein paar herausragende, an die ich mich sehr gern erinnere. Ich durfte zum Beispiel Anne-Sophie Mutters Uhr hinter der Bühne halten, während sie vorn spielte. Meine Kolleginnen sagten: ›Das ist ein Kleinwagen, den du da in der Hand hältst.‹ Klaus Maria Brandauer, Will Quadflieg, Ute Lemper, Armin Müller-Stahl, es waren so viele …

Nach der ›Wende‹ haben wir auch unsere Stasi-Akten angefordert. Die dann kamen, waren vor allem aus der Zeit, als mein Mann Reisekader für Afrika und Moskau war. Er war Möbeltischler bei einer PGH, der Produktionsgenossenschaft des Handwerks, und oft in Moskau. Nach Afrika konnte er aus gesundheitlichen Gründen leider nicht reisen. Die Nachbarn sind befragt worden, man kann sagen, sie wurden richtig ausgehorcht. In der Akte war viel geschwärzt, also keine Namen. Aber wenn man sich so daran erinnert, kann man sich schon vorstellen, wer das war. Etwas Schwerwiegendes ist jedoch nicht daraus hervorgegangen. Unter anderem stand da, dass der Schmidt nicht flaggt. Es war wohl ein Tipp vom Nachbarn, der weitergegeben hatte, dass Herr Schmidt zum 1. Mai nicht die Fahne raushängt. Solche Banalitäten.

Heute singe ich auch selbst wieder, zum Beispiel einmal im Jahr bei ›Leipzig singt‹. Dieses Jahr das ›Brahms-Requiem‹. Da bin ich jetzt das fünfte Mal dabei. In diesem Jahr habe ich auch in der Peterskirche zu ›Tausend Jahre Leipzig‹ die ›Carmina Burana‹ mitgesungen. Das macht unheimlich viel Spaß. Zwischendurch habe ich auch noch drei Jahre Theater gespielt. Mein Enkel hatte mich angesprochen – er wollte eigentlich Schauspieler werden –, und so habe ich zusammen mit ihm am ›Theater der Jungen Welt‹ bei einem Mehrgenerationenprojekt von 7–70 Jahren mitgemacht. Ich war natürlich die Älteste. Seit zwei Jahren habe ich einen Freund, und wir wollen so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen. So entschied ich, beim Theater nicht mehr mitzumachen. (Die Tage werden ja nicht länger.) Wir haben uns vor zwei Jahren auf dem Leipziger Marktplatz zum Klassik-Open-Air kennengelernt. Wir wurden zufällig nebeneinander gesetzt. Reiner Zufall. Nach drei Minuten war eigentlich alles klar. Jetzt teilen wir viel miteinander, auch wenn wir, da sind wir uns einig, nicht zusammenziehen wollen. Das Reisen liebt er aber nicht so sehr wie ich. Ich bin, das war 2010, ganz alleine mit dem Auto durch Kanada gefahren. Das war abenteuerlich! Jetzt sagt mein Sohn immer, wenn bei mir irgendwas nicht so klappt oder ich noch nicht so recht weiß, wie: ›Wer alleine durch Kanada reisen kann, der kriegt das auch hin.‹

Beinahe am meisten hängt mein Herz aber jetzt am Malen. Ich entdeckte es, nachdem mein Mann vor 13 Jahren verstarb. Jetzt ist es für mich ein Lebensinhalt. Ich bin zuerst zur Volkshochschule gegangen und habe einen Zeichenkurs belegt, weil ich mir dachte, du musst dir erst mal Grundlagen aneignen. Dann habe ich bei Mathias Perlet, einem Maler der Leipziger Schule, einen Kurs belegt und bei einem Maler in Mecklenburg-Vorpommern Malunterricht genommen und so die Acrylmalerei für mich entdeckt. Ich hab auch eine eigene Technik, glaub ich, zumindest habe ich sie noch nie zuvor gesehen. Gespachtelte Masse auf die grundierte Leinwand auftragen, um dann teilweise über die erhabenen Stellen darüberzustreichen. Bei meinen großen und bunten Bildern entstehen so tolle Effekte. Weil ich male, interessiert mich natürlich auch, was andere so machen. So kam ich auch wieder hierher in die Georg-Schumann-Straße 116, wo in der ehemaligen Handschuhmacherei gelegentlich Kunstausstellungen sind. Das sind wirklich so Zufälle, die im Leben eine Rolle spielen. Jetzt stelle ich zur ›Nacht der Kunst‹ in der früheren Werkstatt meines Opas meine Bilder aus … Das alte Firmenschild mit der Aufschrift ›Hermann Seering‹ haben die neuen Eigentümer im Keller gefunden. Das hing früher im Stanzraum. Es ist schön, dass sie es aufgehoben haben. Das gehört hierher. Das bleibt hier.«