Autobiografien & Chroniken

 

Letztens haben wir Schlangenhaut gerahmt

Mario Benesch, Jahrgang 1972, ist Rahmenmacher in der dritten Generation. In der Georg-Schumann-Straße 321 betreibt er eine Werkstatt mit Ladengeschäft, wo er das klassische Handwerk ausübt, das sich jedoch seit der Zeit des Großvaters und Vaters gewandelt hat. Heute sorgt Mario Benesch auch dafür, dass das, was aus dem Rahmen fällt, nicht aus dem Rahmen fällt.




»In der Georg-Schumann-Straße bin ich seit 1997, und erst seit der Zeit gehört ein Ladengeschäft zur Werkstatt, die auch vorher mehrmals umgezogen war, immer hier im Leipziger Norden. Die Werkstatt ist ja schon seit 1962 in Familienbesitz, als mein Großvater sie übernahm. Er, eigentlich Drogist, hat Verschiedenes ausprobiert, um sich über Wasser zu halten. Er hatte ein kleines Haus und eine Biberzucht, da wurde das Fell und das Fleisch verkauft. Und in der Siedlung, wo er wohnte, hat er Häuser renoviert. Dann  übernahm er die Rahmenwerkstatt, damals in der Slevogtstraße, und blieb dabei – konnte das Geschäft später sogar an den Sohn und den Enkel übergeben.

Mein Vater war zunächst beim Kraftverkehr. Im Jahr 1982 hat er die Werkstatt vom Opa übernommen, 1990 stieß ich dazu, und wir haben dann bis 2003 zusammengearbeitet. Ich wollte von Anfang an miteinsteigen, doch ich habe zuerst Maurer gelernt (mein Vater hatte mir das geraten) und nebenher in der Werkstatt mitgearbeitet. Um Rahmenmacher zu werden, macht man heute eine Fortbildung und Prüfung vor der Handwerkskammer. Es liegt immer ein anderes Handwerk dahinter (oft Vergolder, Glaser oder Tischler), bevor man sich dann zum ›anerkannten Bildeinrahmer‹ spezialisiert.

In der DDR hieß unser Geschäft ›Foto- und Kleinbildrahmen‹, und es wurden Standardrahmen produziert, genormte Größen, in hoher Stückzahl für Schulen, die Armee oder Kunsthändler. Hier waren sieben Leute beschäftigt: Einer hat gesägt, einer hat geschliffen, einer hat gebeizt, einer hat Glas geschnitten … Der Rekord lag bei tausend Rahmen am Tag. Abgeholt wurden sie mit dem LKW, solche Mengen waren das. (Trotzdem lag die Wartezeit bei einem Dreivierteljahr.) Und jeden Donnerstag wurden die Fotogeschäfte beliefert. Dort haben die Leute Schlange gestanden und die Rahmen wie verrückt gekauft. Es gab ja kaum Bilderrahmen. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen!

Und was man sich auch nicht mehr vorstellen kann, ist, dass das Holz für die Rahmenwerkstatt reglementiert war. Man konnte nur so viele Aufträge annehmen, wie das ›Holzkontingent‹ zuließ. Die Werkstatt durfte nämlich nur für einen bestimmten Betrag Holz einkaufen. Leider wurde das Holz obendrein jedes Jahr teurer, und so ›schrumpfte‹ die Menge, die man für diesen Betrag bekam. Und das Glas war auch rar. Material zu bekommen war ein riesengroßes Problem.

Nach der ›Wende‹ hat sich so ziemlich alles verändert. Gleich 1990, als ich richtig miteingestiegen bin, gab es viele neue Möglichkeiten zur Rahmenherstellung. Ganz neue Materialien vor allem. Wir konnten – nach fast dreißig Jahren Serienproduktion mit zwei Leisten in drei verschiedenen Farben – das Sortiment Stück für Stück erweitern, und heute stehen ganze zweitausend unterschiedliche Leistenmuster zur Auswahl. Seit 2004 bin ich allein in der Werkstatt und mache aus dieser Vielfalt an Materialien, Farben und Formen viele Einzelanfertigungen.  Es gibt auch jetzt noch Serienaufträge, zum Beispiel von Raumausstattern, die für Krankenhäuser oder Pflegeheime arbeiten, aber das ist viel weniger als früher. Es ist alles individueller geworden. Das Einzelne ist mehr in den Vordergrund getreten.

Das Schöne ist, dass es heute so abwechslungsreich ist und man so unterschiedliche Aufträge hat. Gemäldereinigungen, Wiederaufarbeitung von Barockrahmen, Objektrahmungen. Letztens haben wir Schlangenhaut gerahmt. Hatten die Leute sich aus dem Urlaub mitgebracht. Sehr interessant! Auch ein Abendbrotmesser haben wir hier schon eingerahmt, eine durchgebrochene Leitersprosse (da war jemand von der Leiter gefallen, aber unverletzt geblieben), Orgelpfeifen und einen Dachziegel. Das Ungewöhnlichste war eine Trompete. Die hat ein Musiker aus dem Gewandhaus sich extra plattwalzen lassen, damit sie in einen Rahmen passt. Das ist ein ganz anderes Arbeiten als bei der Standardfertigung früher und macht mir auch viel mehr Spaß. Man muss sehr kreativ sein, sich immer was Neues einfallen lassen. Wichtig ist natürlich, dass der Rahmen zum Inhalt passt – man kann mit dem Rahmen auch das Bild kaputtmachen. Manchen Bildern steht ein kräftiger Rahmen, und um andere gehört einfach etwas Zurückhaltenderes, damit sie zur Geltung kommen. Ein Bild oder eben ein ›Objekt‹ einzurahmen ist schon eine Vertrauenssache, zum Beispiel, wenn es um Familienstücke geht, an denen Erinnerungen hängen.

Überhaupt erlebt man mehr als früher, wo es nur um Standardrahmen ging. Wir haben mal einen Rahmen angefertigt, der war so groß, dass wir ihn in der Werkstatt nicht weiterbearbeiten konnten. Wir haben drinnen angefangen und mussten ihn dann auf die Straße tragen, um ihn draußen zu drehen und wieder vorsichtig reinzutragen. Mit dem Sicherheitsdienst kam Anfang der 1990er-Jahre außerdem mal ein Gemälde aus Dresden zu uns in die Werkstatt, das in der Leipziger Thomaskirche seinen Platz finden sollte. Das war auch ein riesengroßes Bild, und wir haben, als der Rahmen fertig war, überlegt, wie wir es transportieren, weil wir kein so großes Auto hatten. Wir haben es dann einfach aufs Autodach gebunden und sind  in die Stadt gefahren. Ja, so ist das manchmal: Gekommen ist das Bild mit dem Sicherheitsdienst, und dann fahren wir es auf dem Autodach spazieren. Das war eine kuriose Sache. Da fällt mir noch ein, dass ich auch einmal ein Ölgemälde aus einem Kunsthaus abgeholt habe, um es mit in die Werkstatt zu nehmen. Das passte gerade so in meinen Autoanhänger. Ich hatte alles mit Decken und Polstern ausgelegt. Der Herr vom Kunsthaus hat das gesehen und war einverstanden. Dann habe ich das Gemälde gerahmt zurückgebracht, und da sagt er plötzlich, dass es für achtzehntausend Euro versteigert werden soll. Achtzehntausend Euro! Und ich hatte es einfach so im Anhänger …

Meine Kunden kommen hier aus dem Umkreis, einige aber auch von weiter weg. Eine Dame fährt immer extra aus Magdeburg her. Da staunt man manchmal ein bisschen. Für eine Berlinerin habe ich ab und an Passepartouts gestaltet, und eine Zeitlang habe ich für eine Münchner Familie gerahmt. Der ›weiteste‹ Kunde kommt aus England. War mal Leipziger, kam dann stets zu Weihnachten zu seiner Mutter und brachte seine Bilder zu mir. Die hängen jetzt in Cornwall in einem Hotel.  

In meinem Laden verkaufe ich auch Bilder, unter anderem von verschiedenen Leipziger Künstlern. Ich habe Aquarelle, Ölbilder, Radierungen und natürlich auch Kunstdrucke, die ich dann nach Kundenwunsch einrahme. Die meisten Leute haben auch schon eine Vorstellung, was für ein Rahmen zu ihrem Bild passen könnte. Das ist auch so eine Sache: In der DDR, als die Rahmen in Serie gefertigt wurden, konnte man es sich nicht leisten, sich mit den Bildern zu befassen. Heute hingegen sieht man die Bilder mit ganz anderen Augen. Die Vielfalt, die Maltechniken oder die künstlerischen Besonderheiten bei Fotografien. Jetzt gehen so viele Einzelstücke durch meine Hände, die einen ganz besonderen Platz im Leben der Menschen bekommen. Das ist das Schöne. So eine Rahmung, die macht man nicht für ein, zwei Jahre. Das ist etwas, was bleibt.«


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