Autobiografien & Chroniken

 

Mattheuer sagte: ›Kommen Sie doch zu mir.
Kommen Sie!‹

Rolf Zimmermann, Jahrgang 1938, studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Er machte sich einen Namen als Gebrauchsgrafiker, bis 1990 zusammen mit den DDR-Firmen auch seine Aufträge verschwanden. Als Maler konnte er sich danach dank der soliden Ausbildung bei Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer etablieren. In seinem hiesigen Atelier entstehen atmosphärische Landschaften – meisterhaft aquarelliert, mit der ornamentalen Raffinesse des Grafikers.



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»Ich komme aus Halberstadt im Harz. Die Stadt hat mir nie viel bedeutet, aber sie hat eine wechselvolle Geschichte, und besonders die Kriegs- und Nachkriegszeit ist von Alexander Kluge, dem Filmemacher und Schriftsteller, gebürtiger Halberstädter, oft beschrieben worden. Auch der schwere Luftangriff von 1945, ein unsagbares Inferno, die Häuser brannten und die Innenstadt war ein Trümmerfeld, über 80 Prozent Ruinen. Der Wiederaufbau war die nächste Katastrophe, die Bauweise wurde ja dann auch kritisiert.

Mit 16 Jahren war ich mit meiner Lehre zum Schaufensterdekorateur – in der DDR hieß das Gebrauchswerber – fertig, drei Tage später habe ich mich in den Zug gesetzt und bin nach Leipzig gefahren. Ich wollte in die Großstadt. Mein Onkel besorgte mir hier ein tolles Zimmer, und die Stadt mit ihrer Lebendigkeit hat mich sofort aufgenommen! Der Onkel, der Bruder meines Vaters, arbeitete bei der ›DHfK‹, der Sporthochschule, wo er in der Pförtnerloge saß. 1956 hat er mich ins Fußballstadion mitgenommen, als das berühmte Fritz-Walther-Tor fiel. Das Fallrückziehertor!

1959 unternahm ich mit einem Halberstädter Freund eine längere Radtour in den Westen. Drüben haben wir dann überlegt, eventuell zu bleiben, weil wir nicht wussten, ob wir nochmals eine Möglichkeit bekommen zu reisen. Ich besuchte in drei Städten die Werbeabteilung eines Kaufhauses und erfuhr, zumindest in zwei dieser Abteilungen, dass ich als Dekorateur aus dem Osten dort willkommen war und sofort zu arbeiten anfangen könnte. Man wusste einfach, dass wir in der DDR mit primitiveren Mitteln zu guten Schaufensterlösungen kommen mussten. Auf dem Rückweg über Frankfurt am Main haben wir in Bebra an der Grenze im Chausseegraben gesessen und überlegt, was zu tun ist, uns dann aber für eine Rückreise in die Heimat entschieden.

Noch im gleichen Jahr bewarb ich mich an der Abendakademie der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, um mich in der Schriftgestaltung weiterzuentwickeln, wechselte dann aber auf Anraten eines Freundes in die Mal- und Zeichenkurse der Dozenten Walter Münze und Gerhard Eichhorn. Um Gerhard Eichhorn bildete sich dann ein Kreis von etwa acht bis zehn Schülern, der sich immer nach den Kursen noch in einem Restaurant oder Caféhaus traf. Dort gingen die Diskussionen, vorrangig um die Bildende Kunst, weiter, und so bin ich, der sich zuerst gar nicht auskannte, mit dem Metier immer vertrauter geworden. Da taten sich Welten auf für mich!

Gerhard Eichhorn forderte mich später auf, doch endlich mal ein paar Arbeiten einzureichen, um mich an der Hochschule fürs Studium zu bewerben. Da war ich aber überrascht! Das Hochschulstudium habe ich nie ins Auge gefasst, weil ich gar nicht wusste, dass man ohne Abitur die Aufnahmeprüfung machen kann. Ich wurde für die einwöchige Prüfung angenommen, konnte sie zum Glück bestehen und war dann zuerst in der Schriftklasse bei Professor Kapr. Im Laufe des Grundstudiums bei Werner Tübke und Hans Mayer-Foreyt kamen mir aber doch Zweifel, ob der Beruf eines Schriftgestalters später nicht zu einseitig für mich wäre. Und so fragte ich vorsichtig bei Professor Mattheuer an, ob er mich in seine Fachklasse für Gebrauchsgrafik aufnehmen würde. Mattheuer sagte: ›Kommen Sie doch zu mir. Kommen Sie!‹

Während ich bei Mattheuer in der Fachklasse war, beteiligte ich mich an zwei bedeutsamen Wettbewerben. Als Musikfan, der ich immer war, nahm ich zunächst am  Plakatwettbewerb zum Leipziger Bachfest teil. Ich entwickelte eine eigene Schrift für das Plakat und setzte das Thema ›BACH‹ in die vier entsprechenden Noten um. Mattheuer war von der Idee begeistert – dann aber total enttäuscht, als ich den Abgabetermin in der Musikhochschule nicht einhalten konnte. Einige Zeit später fand ich meine Idee auf einem ähnlich gestalteten gedruckten Plakat wieder.

Mit dem zweiten Wettbewerb hatte ich mehr Glück. Meine Idee für ein neues Logo für den ›Verlag für die Frau‹ setzte sich durch! Ich gewann den ersten Preis. Mein Frauenkopf-Signet erschien dann auf allen Fachzeitschriften des Verlages. Außerdem auf den Dächern bekannter Hotels und Wohnhäuser der DDR und – zuerst in stark vergrößerter Form – zur Leipziger Buchmesse. Als ich meinen Frauenkopf auf der Buchmesse in der starken Vergrößerung sah, hatte ich plötzlich das Gefühl, in der ›Innenform‹ noch etwas nachbessern zu müssen – womit ich Mattheuer zu einem gewissen Lächeln veranlasste, da der Preis bereits vergeben und der Kopf bereits in der Produktion war.

Im vierten Studienjahr sprach mich die FDJ-Leitung (einen hauptamtlichen FDJ-Sekretär hatten wir, glaube ich, nie) unserer Hochschule an, ob ich die Zweihundertjahrfeier mitorganisieren würde. Das war eine große Herausforderung, die mir sogar Spaß machte. Dass mir später bei der Rentenberechnung das Jahr angelastet wurde (das ich als logische Studienverlängerung bekam, weil die Organisation des Hochschuljubiläums mich eben so viel Zeit gekostet hatte), konnte ich 1966 nicht ahnen … ich hätte sicher darauf verzichtet. Jedenfalls bekam ich von allen Seiten viel Lob für meine Arbeit, da ich mich unter anderem für einen Festumzug eingesetzt hatte, der von der Hochschulleitung zunächst nicht vorgesehen war. Bei einem Besuch in Krakau war ich vom Festumzug der Uni so begeistert gewesen, dass ich Ähnliches bei uns in Leipzig veranstalten wollte, mit entsprechender Musik und gestalteten Schärpen auf dem Weg. Jedenfalls schlossen sich alle bekannten Gäste, meist aus dem westlichen Ausland, unter anderem Paris, unserem Festumzug an.

Der Lichthof der Hochschule wurde zum Jubiläum renoviert, sodass es Überlegungen gab, den stadtbekannten Fasching ausfallen zu lassen. Professor Heisig als Rektor bat mich in sein Zimmer – und wir tüftelten an Plänen, den Fasching doch stattfinden zu lassen. Heisig kam auf die Idee, doch einfach einmal die Räume im Keller zu nutzen. So machten wir es. Die Tischlerei im Keller musste weichen und wurde anderweitig untergebracht, und auch Teile des Tanzstudios im Nebengebäude. Es entstand ein toller Clubraum da unten, der auch Jahre danach noch für Veranstaltungen benutzt wurde. Natürlich brauchte man auch Sitzmöglichkeiten dort im Keller. Und so kam doch tatsächlich einer auf die Idee, große Autoreifen aus einer Vulkanisieranstalt zu besorgen. Ein Auto oder gar einen LKW  hatten wir nicht – daher setzten etwa 18 Studenten die Reifen in Bewegung und rollten sie unter Polizeischutz etwa zwei Kilometer durch die Stadt. Die großen Reifen platzierten wir in den Gängen des Kellers, und viele Leute konnten darauf sitzen. Getanzt wurde dann beim Fasching nicht nur in den oberen Räumen – unten im ›Kellerclub‹ sorgte die Band ›Renft‹ für großartige Stimmung.

In den 1970er-Jahren lernte ich als eifriger Caféhausgänger rein zufällig zwei ausländische Germanistikstudenten kennen, die bis heute zu meinen besten Freunden zählen und damals meinen Lebensstil total beeinflussten. Einer davon war Faik (der reichlich zwanzig Jahre später mit einem Anruf aus Marokko mein Leben verändern sollte). Andrzej Sąpoliński aus Warschau habe ich zu verdanken, dass ich jedes Jahr zu den Jazz-Tagen im Oktober meine Eintrittskarte bekam. Etwa 350 DDR-Bürger nahmen an diesem Festival meist teil, Montreux, Westberlin und Warschau waren die wichtigsten Veranstaltungsorte. Mein Sohn Dirk, jetzt Bläser in einer bekannten Band, beneidet mich darum, bis in die 1980er-Jahre hinein einige der bekanntesten Jazzer der Welt live erlebt zu haben. Ein weiteres Erlebnis ist erwähnenswert: Der große Louis Armstrong auf Europatournee, für vier Konzerte in Leipzig angekündigt, landete mit einer Chartermaschine hier auf dem kleinen Mockauer Flugplatz. Kaum jemand wusste Ort und Zeit seines Eintreffens. Ein Musiker, den ich zum Hochschulfasching in die Schule holte, tauchte plötzlich im Nachbarzimmer auf, um meine Kommilitonin für die Armstrong-Begrüßung abzuholen. Er hatte erfahren, wo und wie die Begrüßung stattfinden sollte und bot mir überraschend den noch freien Sitz im Auto an. Die Atmosphäre auf dem Flugplatz war überwältigend! Im später erschienenen Armstrong-Buch entdeckte ein Freund plötzlich ein Bild, auf dem ich mit Armstrong beim Signieren einer Postkarte zu sehen bin.

Nach meinem Studium habe ich als freier Grafiker für verschiedene Firmen gearbeitet, habe Signets, Plakate, Anzeigen und Ausstellungshallen in Leipzig, Erfurt und Gera gestaltet. Wir Grafiker waren gefragt und hatten ein gutes Auskommen. Aber die ›Wende‹ 1989/90 war eine Zäsur, sie bedeutete für viele Grafiker das Aus, weil die Wirtschaft sich komplett umgestaltete und mit den alteingesessenen Firmen unsere Auftraggeber verschwanden. (Ein paar Grafiker haben sich durchgesetzt, aber die meisten hatten keine Chance.) Zwei begonnene interessante Aufträge konnte ich nicht beenden: eine Plakatserie zum Thema Fahrzeugelektrik, in Aquarelltechnik, bevorzugt für DDR-Botschaften und Entwürfe für neue Rundfunk-Musikplakate.

Ich war über 50 Jahre alt und stand vor der bangen Frage, wie es weiterging. Ich war schon ziemlich verzweifelt.

Da trat einer meiner beiden so guten ausländischen Freunde auf den Plan. Dr. Faik Al Hakim, studierter Germanist aus dem Irak, später in Kuwait sehr reich geworden, der hier in Leipzig promoviert (wobei ihm ein Freund von mir geholfen) hatte. Faik hatte unbedingt in Leipzig, seiner Lieblingsstadt, investieren wollen. Es war aber nichts daraus geworden, weil seine Frau, auch Irakerin, nicht in Deutschland leben wollte, und so war er mit seiner Familie in Marokko gelandet. Er eröffnete in Rabat ein Filmstudio, lud hin und wieder irakische Freunde aus Leipzig zu sich ein und erfuhr, dass es mir sehr schlecht geht. Daraufhin bekam ich einen Anruf: Ich solle, möglichst bald, zu ihm nach Rabat kommen. 1994 traf ich dort ein, bewunderte die Bilder an seiner Wand – faszinierende Landschaften seiner neuen Heimat. Einige Tage später lernte ich die Schöpfer jener Bilder persönlich kennen, zwei irakische Maler, die Faik finanziell unterstützte. Mein Freund Faik setzte mich ins Auto oder brachte mich zur Bahn, damit ich die tolle Landschaft um Rabat kennenlerne. Seine ganze Fotoausrüstung konnte ich benutzen, um für spätere Bildvorlagen geeignete Fotos zu schießen. Faik motivierte mich zu malen, da er frühere Arbeiten aus der Hochschule von mir kannte, und meine Gespräche mit den beiden Malern trugen dazu bei, dass ich die Sache wirklich ernst nahm. Als Faik mir dann einen Film vorstellte, den er im Süden Marokkos gedreht hatte, wurde mir sofort klar, dass ich auch diese Landschaft kennenlernen musste. Der Rückflug war aber bereits gebucht – deshalb unternahm ich dann im Herbst des gleichen Jahres mit Studiosis nochmals eine Reise nach Marokko.

Durch die Menge wunderbarer Motive war ich hoch motiviert täglich zu malen, sodass ich 1998 meine erste Ausstellung in der  ›Galerie Süd‹ hier in Leipzig bekam. Die Technik für meine geplanten Aquarelle habe ich ziemlich schnell entwickeln können. Es sollten Arbeiten entstehen, die sich von den üblichen Aquarelltechniken unterschieden. Und so bin ich auf eine Maltechnik gekommen, für die mich Werner Tübke im Grundstudium gelobt hat. Der sagte: ›Herr Zimmermann, nehmen Sie sich mal einen alten Meister vor und kopieren Sie ihn mit Wasserfarben!‹ Und da habe ich diese spezielle Aquarelllasurtechnik kennengelernt. Ich bin fast der Einzige, der in dieser strukturbetonten Aquarelltechnik arbeitet, was in vielen Ausstellungen, die ich seither hatte, besonders hervorgehoben wurde, weil ich damit jede Schattierung und jedes Leuchten in unendlich vielen Nuancen erzeugen kann.

Mich interessierten immer die ornamentalen Gestaltungsmomente. Das ist mein Stil. Ornamentale, dichte Gestaltung. Auch Wolfgang Mattheuer spielte in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle für mich. Er ist ja, gerade als ich bei ihm studierte, von der Gebrauchsgrafik zur Malerei übergangen. Dass ich so gute Lehrer hatte, empfinde ich als Glücksfall. Und auch, dass ich hier auf der Georg-Schumann-Straße so ein schönes Atelier habe, auf zwei Ebenen, mit einem Schaufenster, das die Passanten aufmerksam macht. Wenn ich hier bin und male, denke ich oft: Besser kann man es nicht haben!




 

 

Einige Arbeiten Rolf Zimmermanns finden Sie hier.